Behandlungsstrategien bei hohem Risiko für einen und bei einem Herzinfarkt (Angina pectoris und Nicht-ST-Hebungsinfarkt)

Diese Faktenbox soll Ihnen helfen, Nutzen und Schäden zweier Behandlungsstrategien bei hohem Risiko für einen und bei einem Herzinfarkt abzuwägen. Die Informationen und Zahlen stellen keine endgültige Bewertung dar. Sie basieren auf den derzeit besten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Die Faktenbox wurde vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz erstellt.

Was ist eine Angina pectoris?

Liegt eine Verengungder das Herz mit Blut versorgenden Adern (Herzkranzgefäße, Koronararterien) vor, ist das Risiko für einen Herzinfarkt erhöht.Bei dieser Verengung spricht man von einer koronaren Herzkrankheit (KHK). Ein Symptom der KHK ist die Angina pectoris, bei der unter anderem Schmerzen im Brustkorb mit Brustenge bei Belastung (stabile Angina pectoris) oder auch unabhängig von Belastung (instabile Angina pectoris) auftreten können.

Die Schmerzen werden durch eine Verengungder Herzkranzgefäße verursacht. Ein Teil des Herzens wird nicht ausreichend mit Blut versorgt und es kommt zu einem Sauerstoffmangel des Herzmuskels. Verschließen sich die entsprechenden Gefäße komplett, tritt ein Herzinfarkt ein. Bei einer instabilen Angina pectoris ist das Herzinfarktrisiko hoch. Die Symptome einer instabilen Angina pectoris sind jedoch nicht vom Herzinfarkt zu unterscheiden.

Leiden Menschen an anhaltendem oder wiederkehrendem Brustschmerz, kann demnach eine instabile Angina pectoris oder der sogenannte Herzinfarkt ohne ST-Hebung bzw. der Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI) vorliegen[1].

Was ist ein Nicht-ST-Hebungsinfarkt?

Im Falle eines Herzinfarktverdachtes (Schmerzen mit Brustenge, Luftnot oder andere Symptome) wird ein Elektrokardiogramm (EKG) durchgeführt. Anhand des Elektrokardiogramms kann zwischen einem Herzinfarkt mit einer sogenannten ST-Hebung (STEMI) und ohne ST-Hebung (NSTEMI) unterschieden werden. Bei einem STEMI ist eine Veränderung im EKG-Verlauf ersichtlich, bei der ein bestimmter Bereich – die ST-Strecke – im EKG angehoben ist. Bei einem NSTEMI ist dies nicht der Fall.

Die Ermittlung, welche der beiden Arten des Herzinfarktes vorliegt, ist aufgrund der Einstufung der Schwere und für die weitere Behandlung relevant [1].

Welche Behandlungsstrategien gibt es bei Angina pectoris und Nicht-ST-Hebungsinfarkt?

Menschen mit einer Angina pectoris und einem Nicht-ST-Hebungsinfarktkönnen mittels zweier Strategien behandelt werden: der direkt invasiven Strategie oder der vorerst medikamentösen Strategie (konservative Strategie). Invasivbedeutet, dass bei den Untersuchungs- oder Behandlungsmaßnahmen in den Körper eingedrungen wird.

Unter der direkt invasiven Behandlungsstrategie wird folgendes Vorgehen verstanden: Alle Patienten erhalten eine sogenannte Koronarangiographie kurz nach der Krankenhausaufnahme. Dabei wird ein Katheter (lange, hohle Röhre) in die Herzkranzgefäße eingesetzt, um Verdickungen und Verhärtungen der Blutgefäße aufzuspüren. Werden diese Veränderungen gefunden, so kann ein sogenannter Ballonkatheter zur Weitung des Gefäßes eingesetzt werden, um die Blutversorgung des Herzmuskels zu verbessern. Ein metallischer Stent kann dazu dienen, das Gefäß offen zu halten. Wenn dieser Eingriff nicht möglich ist, da der entsprechende Bereich des Gefäßes nicht zugänglich ist, kann ein operativer Bypass erforderlich sein. Darunter ist die Anlage eines Umgehungskreislaufs um die Verengung des Gefäßes zu verstehen.

Bei der vorerst medikamentösen Strategie wird zunächst medikamentös behandelt. Leiden Patienten weiterhin unter Schmerzen in der Brust oder wurden in Untersuchungen, zum Beispiel Stressuntersuchungen oder Bildgebungsverfahren, Anzeichen dafür festgestellt, dass eine weitergehende Verengung der Gefäße vorliegt, so können eine Koronarangiographie und damit verbundene weiterführende Eingriffe (Stent oder Bypass) vorgenommen werden [1].

Wer kann die Behandlungsstrategien Betracht ziehen?

Die Zielgruppe sind Menschen mit instabiler Angina pectoris und Herzinfarkt ohne ST-Hebung [1].

Behandlungsstrategien bei hohem Risiko für einen und bei einem Herzinfarkt (Angina pectoris und Nicht-ST-Hebungsinfarkt)
Behandlungsstrategien bei hohem Risiko für einen und bei einem Herzinfarkt (Angina pectoris und Nicht-ST-Hebungsinfarkt) © Harding-Zentrum für Risikokompetenz
Was zeigt die Faktenbox?

In der Faktenbox werden die vorerst medikamentöse und die direkt invasive Behandlungsstrategie bei Menschen, hinsichtlich ihres Nutzens und Schadens miteinander verglichen.

Die Tabelle liest sich wie folgt:

Bei der vorerst medikamentösen Behandlungsstrategieerlitten 8 von je 100 Menschen, die über 6 bis 12 Monate beobachtet wurden, einen Herzinfarkt. Bei der direkt invasiven Behandlungsstrategieerlitten 6 von je 100 Menschen einen Herzinfarkt.

Die Zahlen in der Faktenbox sind gerundet. Sie basieren auf 8 Studien mit etwa 9.000 Teilnehmern [1].

Was ist noch zu beachten?

Es wurden lediglich Studien eingeschlossen, bei denen Stents zum Einsatz kamen. Mittlerweile werden in der klinischen Praxis zum Teil andere Stents verwendet als die in den eingeschlossenen Studien. So sind neben metallischen Stents mittlerweile medikamentenbeschichtete Stents verfügbar [1].

Liefern die Ergebnisse einen Beweis (Evidenz) für den Nutzen und Schaden der Behandlungsstrategien?

Die Beweislage ist insgesamt von niedriger bis mittlerer Qualität: Einige Ergebnisse könnten durch weitere Forschung verändert werden (moderate Beweislage), bei der Anzahl der Todesfälle ist es sehr wahrscheinlich, dass sie durch weitere Forschung verändert werden (niedrige Beweislage).

Versionsverlauf der Faktenbox
  • März 2017 (letztes Update)
Quellen

Die Informationen für die Faktenbox wurden der folgenden Quelle entnommen:

[1] Fanning JP, Nyong J, Scott IA, et al. Routine invasive strategies versus selective invasive strategies for unstable angina and non-ST elevation myocardial infarction in the stent era. Cochrane Database Syst Rev 2016(5):CD004815. doi: 10.1002/14651858.CD004815.pub4